EINTRAG #08

DIE BIENEN MALEN DIE WELT

JOURNAL

Verfasst August 2026
Donnerskirchen, Österreich

Wie Blütenpflanzen und Bienen einander über Millionen Jahre verändert haben

Eine Landschaft blüht nicht für uns. Nicht für unsere Fotos. Nicht für unsere Gärten.

Und nicht, damit eine Wiese im Frühling besonders schön aussieht.

Eine Blüte ist Teil der Fortpflanzung einer Pflanze. Ihre Form, ihr Duft, ihr Nektar und ihr Pollen stehen in einer Geschichte, die lange vor dem Menschen begonnen hat.

Bienen sind ein Teil dieser Geschichte.

Sie besuchen Blüten, weil sie Nahrung suchen. Dabei tragen sie Pollen von Pflanze zu Pflanze. Sie ermöglichen damit Fortpflanzung, beeinflussen den Erfolg einzelner Pflanzen und wirken über viele Generationen an der Gestalt blühender Landschaften mit.

Nicht bewusst.

Nicht nach einem Plan.

Und dennoch hinterlassen sie Spuren.

In diesem Sinn malen Bienen die Welt.

Es gab eine Zeit ohne Blumenwiesen.

Pflanzen besiedelten das Land lange bevor die ersten Blütenpflanzen entstanden.

Es gab Farne, Moose, Schachtelhalme und Samenpflanzen. Auch Bestäubung durch Insekten existierte bereits vor der großen Ausbreitung der Blütenpflanzen. Manche frühen Insekten besuchten die Fortpflanzungsorgane von Nacktsamern und übertrugen dabei Pollen.

Die gemeinsame Geschichte von Pflanzen und Insekten begann daher nicht erst mit der ersten Biene.

Mit der Ausbreitung der Blütenpflanzen veränderten sich die terrestrischen Ökosysteme jedoch grundlegend. Besonders während der Kreidezeit entstanden und diversifizierten sich viele der großen Linien, aus denen die heutige Vielfalt der Blütenpflanzen hervorging.

Fossilien und Stammbäume zeigen dabei keine einfache Geschichte, in der plötzlich Blumen erschienen und danach die Bestäuber entstanden. Pflanzen, Insekten, Klima und Landschaft beeinflussten einander über lange Zeiträume. Die Ausbreitung der Blütenpflanzen schuf neue Nahrungsquellen und ökologische Möglichkeiten, während Insekten bereits Fähigkeiten mitbrachten, die sie für die Nutzung dieser Pflanzen einsetzen konnten.

Eine Blüte ist keine Dekoration.

Was wir als Blüte betrachten, ist ein Fortpflanzungsorgan.

Sie produziert Pollen. Darin befinden sich die männlichen Keimzellen der Pflanze. Damit Samen entstehen können, muss geeigneter Pollen auf die empfänglichen Teile einer Blüte gelangen.

Manche Pflanzen lassen diese Arbeit vom Wind erledigen.

Andere nutzen Tiere.

Blütenbesuchende Insekten erhalten dafür Nahrung. Nektar liefert vor allem Kohlenhydrate. Pollen enthält unter anderem Eiweiß, Fette, Vitamine und Mineralstoffe und ist für die Aufzucht der Brut von zentraler Bedeutung.

Die Pflanze bietet also etwas an.

Das Insekt nimmt etwas mit.

Und während es die nächste Blüte besucht, kann Pollen übertragen werden.

Daraus entsteht eine Beziehung, von der beide Seiten profitieren können.

Doch sie ist kein bewusst geschlossener Vertrag.

Die Pflanze will nicht helfen.

Die Biene will nicht bestäuben.

Die Pflanze vermehrt sich erfolgreicher, wenn Pollen an den richtigen Ort gelangt. Die Biene sucht Nahrung für sich und ihr Volk.

Bestäubung entsteht aus der Überschneidung dieser Interessen.

Was bedeutet Koevolution?

Wenn zwei Gruppen von Lebewesen über viele Generationen wechselseitig aufeinander einwirken, sprechen wir von Koevolution.

Das bedeutet nicht, dass eine bestimmte Bienenart und eine bestimmte Pflanzenart immer als festes Paar gemeinsam entstanden sind.

In natürlichen Lebensgemeinschaften sind solche engen Eins-zu-eins-Beziehungen vergleichsweise selten. Meist besuchen mehrere Insektenarten dieselbe Pflanzenart. Gleichzeitig nutzt eine Biene während ihres Lebens oder im Lauf einer Saison unterschiedliche Pflanzen.

Die Entwicklung erfolgt daher häufig innerhalb ganzer Netzwerke.

Pflanzen stehen unter dem Einfluss verschiedener Bestäuber.

Bestäuber reagieren auf zahlreiche Pflanzen.

Auch Blühzeit, Häufigkeit, Wetter, Boden, Pflanzenfresser und Konkurrenz wirken mit.

Koevolution ist deshalb kein perfektes Duett zweier Arten.

Sie ist eher ein vielstimmiges Zusammenspiel, das sich ständig verändert. Untersuchungen natürlicher Bestäubungsnetzwerke zeigen, dass gemeinsame Evolutionsgeschichte, Blütenmerkmale, zeitliche Überschneidungen und die Häufigkeit der Arten gemeinsam bestimmen, welche Tiere welche Pflanzen besuchen.

Die Blüte verändert die Biene

Bienen stammen von wespenartigen Vorfahren ab.

Während ihre Vorfahren tierische Beute für den Nachwuchs sammelten, entstand bei den frühen Bienen eine Lebensweise, die auf Pollen und Nektar ausgerichtet war.

Diese Umstellung hatte weitreichende Folgen.

Der Körper musste Pollen aufnehmen und transportieren können.

Mundwerkzeuge mussten zu den genutzten Blüten passen.

Geruchs- und Farbwahrnehmung wurden für die Suche nach geeigneten Pflanzen bedeutsam.

Lernfähigkeit half dabei, ergiebige Blüten wiederzuerkennen.

Heute gibt es mehr als 20.000 beschriebene Bienenarten mit sehr unterschiedlichen Körpergrößen, Mundwerkzeugen, Sammelvorrichtungen und Ernährungsweisen.

Stammesgeschichtliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Bienen in der frühen Kreidezeit entstanden und sich viele ihrer großen Linien in jener Zeit auffächerten, in der auch zahlreiche Gruppen der Blütenpflanzen vielfältiger wurden. Das bedeutet nicht, dass die Pflanzen allein die Entwicklung der Bienen verursacht haben. Es zeigt aber, dass beide Geschichten eng miteinander verbunden sind.

Die Biene verändert die Blüte

Auch die Pflanzen blieben nicht unverändert.

Besuchen Tiere bestimmte Blüten häufiger als andere, kann das den Fortpflanzungserfolg beeinflussen.

Eine Blüte, die leichter gefunden wird, erhält möglicherweise mehr Besuche.

Eine Form, bei der Pollen besonders zuverlässig am Körper eines Bestäubers haftet, kann die Übertragung verbessern.

Eine Blühzeit, die mit dem Auftreten geeigneter Insekten zusammenfällt, kann vorteilhaft sein.

Solche Unterschiede wirken nicht innerhalb eines einzigen Sommers auf die Evolution einer Art. Sie entfalten ihre Wirkung über viele Generationen.

Pflanzen mit Merkmalen, die unter den jeweiligen Bedingungen zu erfolgreicherer Bestäubung führen, hinterlassen mehr Nachkommen. Diese Merkmale können dadurch in einer Population häufiger werden.

Bestäuber sind daher keine bewussten Züchter.

Aber ihre Entscheidungen erzeugen Selektionsdruck.

Welche Blüte besucht wird, wie lange ein Tier dort bleibt und ob der Pollen eine passende weitere Blüte erreicht, kann mitbestimmen, welche Pflanzen ihre Eigenschaften an die nächste Generation weitergeben.

Fossile Blüten und Pollen zeigen, dass Beziehungen zwischen frühen Blütenpflanzen und spezialisierten pollenbesuchenden Insekten bereits in der Kreidezeit bestanden. Zugleich war diese Entwicklung komplexer als eine einzige gemeinsame „Explosion“ der Artenvielfalt.

Keine Blüte wurde für die Honigbiene geschaffen

Die Honigbiene ist heute einer der bekanntesten Blütenbesucher.

Sie ist aber nicht der einzige.

Wildbienen, Hummeln, Fliegen, Käfer, Schmetterlinge, Wespen, Vögel und andere Tiere können Pflanzen bestäuben. Manche Pflanzen werden zusätzlich oder ausschließlich durch Wind bestäubt.

Auch innerhalb der Bienen unterscheiden sich die Beziehungen zu Pflanzen deutlich.

Manche Arten sammeln Pollen von vielen Pflanzenfamilien.

Andere sind auf wenige Pflanzengruppen spezialisiert.

Einige Blüten können nur von Insekten genutzt werden, die zu ihrer Form, Tiefe oder Funktionsweise passen.

Darum ersetzt die Honigbiene nicht die Vielfalt der wilden Bestäuber.

Und mehr Bienenvölker bedeuten nicht automatisch eine größere biologische Vielfalt.

Eine artenreiche Landschaft braucht unterschiedliche Pflanzen, unterschiedliche Lebensräume und unterschiedliche Bestäuber.

Die Beziehung zwischen Blüten und Bienen ist kein einzelner Faden.

Sie ist ein Gewebe.

Was heißt hier „malen“?

Bienen tragen keinen Pinsel.

Sie entscheiden nicht, wie eine Landschaft in hundert Jahren aussehen soll.

Die Formulierung ist ein Bild.

Mit jedem Blütenbesuch kann eine Biene Pollen bewegen.

Mit erfolgreicher Bestäubung kann sie dazu beitragen, dass Früchte und Samen entstehen.

Aus Samen wachsen neue Pflanzen.

Neue Pflanzen verändern wiederum das Nahrungsangebot, den Lebensraum und das Erscheinungsbild einer Landschaft.

Eine einzelne Biene malt daher keine Wiese.

Ein einzelner Flug erschafft keine Pflanzenart.

Doch Milliarden von Blütenbesuchen über unzählige Generationen gehören zu jenen Prozessen, durch die blühende Lebensgemeinschaften erhalten und verändert werden.

Die Bienen malen nicht allein.

Boden und Klima malen mit.

Wind und Wasser.

Andere Bestäuber.

Pflanzenfresser und Krankheitserreger.

Und heute in besonders starkem Maß der Mensch.

Die Landschaft ist kein unveränderliches Bild

Die evolutionäre Beziehung zwischen Pflanzen und Bestäubern entwickelte sich über Millionen Jahre.

Eine Landschaft kann jedoch innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend verändert werden.

Wenn artenreiche Wiesen verschwinden, Böschungen häufig gemäht werden oder große Flächen gleichzeitig nur eine Pflanzenart anbieten, verändert sich das Nahrungsangebot für Insekten unmittelbar.

Nicht jede blühende Pflanze bietet dieselbe Menge oder Qualität an Nektar und Pollen.

Und nicht jede Pflanzenart ist für alle Bestäuber gleich wertvoll: Flockenblumen, Wegwarte, Natternkopf, Glockenblumen, Kleearten und viele andere Pflanzen besitzen jeweils eine andere Bedeutung für Honigbienen, Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge. Die Bestäubung wiederum ermöglicht Samenbildung und trägt damit zum Fortbestand der Pflanzen bei.

Eine vielfältige Wiese ist deshalb nicht nur eine größere Menge an Blüten.

Sie ist eine größere Zahl unterschiedlicher Beziehungen.

Eine Pflanze allein ergibt noch keine Landschaft

Eine ergiebige Tracht kann für ein Bienenvolk wertvoll sein.

Robinie.

Linde.

Raps.

Sonnenblume.

Eine große Zahl gleichzeitig blühender Pflanzen kann in kurzer Zeit viel Nektar liefern.

Für die langfristige Versorgung eines Bienenvolkes reicht eine einzelne starke Tracht jedoch nicht aus.

Bienen benötigen über einen möglichst langen Zeitraum unterschiedliche Pollen- und Nektarquellen. Wenn eine Massentracht endet, muss die Landschaft weiterhin Nahrung bieten.

Im Frühjahr.

Im Frühsommer.

Während trockener Wochen.

Und auch nach der Honigernte.

Darum entscheidet nicht nur, wie viel blüht.

Entscheidend ist auch, was wann blüht.

Eine Landschaft mit Weingärten, Wiesen, Waldrändern, Böschungen, Baumreihen und naturnahen Gärten kann über die Saison unterschiedliche Quellen bereitstellen.

Sie wird dadurch nicht automatisch ökologisch wertvoll.

Doch ihre Vielfalt an Strukturen schafft Möglichkeiten.

Der Honig ist Teil dieser Beziehung

Honig ist kein Abbild der Landschaft im wörtlichen Sinn.

Er enthält keine vollständige Karte aller Pflanzen und keine sichtbare Geschichte ihrer Evolution.

Aber seine Entstehung ist an eine konkrete Landschaft und eine konkrete Zeit gebunden.

Die Bienen sammeln, was während einer bestimmten Saison erreichbar ist.

Welche Pflanzen blühen.

Welche Nektar anbieten.

Wie warm oder trocken das Wetter ist.

Welche Quellen ergiebig sind.

Und welche die Sammlerinnen bevorzugen.

Darum unterscheidet sich Honig von Standort zu Standort und von Jahr zu Jahr.

Er entsteht nicht aus einer Rezeptur.

Er entsteht aus Bedingungen.

Aus Pflanzen.

Aus Wetter.

Aus Boden.

Aus dem Verhalten eines Bienenvolkes.

Und aus jener alten Beziehung zwischen Blüte und Bestäuber, die lange vor unserer Imkerei begonnen hat.

Wir stehen nicht außerhalb dieses Bildes

Der Mensch betrachtet Landschaft gerne als Kulisse.

Als etwas, das bereits da ist.

Doch unsere Entscheidungen verändern sie.

Wie oft eine Fläche gemäht wird.

Welche Pflanzen angebaut werden.

Ob heimisches Wildpflanzensaatgut verwendet wird.

Ob Randflächen blühen dürfen.

Ob nach dem Ende einer Massentracht weitere Nahrungsquellen vorhanden sind.

Wir können die lange gemeinsame Entwicklung von Pflanzen und Bestäubern nicht planen.

Aber wir können entscheiden, ob sie in unserer heutigen Landschaft noch Raum findet.

Die Bienen haben über Millionen Jahre an blühenden Lebensgemeinschaften mitgewirkt.

Wir können diese Beziehungen innerhalb kurzer Zeit schwächen.

Oder Bedingungen schaffen, unter denen sie bestehen bleiben.

KEPT. NOT MADE

Wir erschaffen die Blüten nicht.

Wir bestimmen nicht, welche Pflanze Nektar abgibt.

Wir erklären keiner Biene, welche Blüte sie besuchen soll.

Und wir entwerfen nicht jene Beziehungen, die Pflanzen und Bestäuber über Millionen Jahre miteinander verbunden haben.

Wir können nur darauf achten, was bereits da ist.

Wir können Vielfalt zulassen.

Wir können den Bienen Raum geben.

Wir können ihnen mehr Vorräte überlassen, als wir entnehmen.

Und wir können bewahren, was sie aus einer Landschaft in ihr Volk getragen haben.

Kept. Not Made.

Nicht vom Menschen gemacht.

Von den Pflanzen angeboten.

Von den Bienen gefunden, gesammelt und verwandelt.

Von uns geerntet und bewahrt.

Quellen

Robert E. Page: Die Kunst der Bienen. Wie Bienenvölker unsere Welt gestalten.  C.H.Beck, München 2025

Cardinal, S. und Danforth, B. N.: Bees diversified in the age of eudicots. Proceedings of the Royal Society B, 2013.

Almeida, E. A. B. et al.: The evolutionary history of bees in time and space. Current Biology, 2023.

Hu, S. et al.: Early steps of angiosperm–pollinator coevolution. Proceedings of the National Academy of Sciences, 2008.

Peris, D. und Condamine, F. L.: The angiosperm radiation played a dual role in the diversification of insects and insect pollinators. Nature Communications, 2024.

Frühwirth, P. H. und Peratoner, G.: Wiesenpflanzen für Honigbienen und wilde Bestäuber. Biene Österreich, Wien 2025.

Die Bienen machen den Honig. Und ihre Beziehung zu den Blüten hat jene Welt mitgeformt, aus der er stammt.“