JOURNAL
Verfasst Juli 2026
Donnerskirchen, Österreich
Jedes Jahr beginnt sie wieder.
Die erste Wespe landet auf einem Stück Kuchen, kreist um ein Glas Limonade oder fliegt über den Gartentisch. Für viele ist der Fall sofort klar:
Das Nest muss weg.
Dabei steckt hinter diesem Gedanken ein Missverständnis.
Denn die Wespen, die uns im Spätsommer an unserem Essen besuchen, sind fast immer nur zwei Arten. Die meisten anderen heimischen Wespen interessieren sich kaum für unseren Kaffeetisch. Sie jagen Fliegen, Gelsen, Raupen und viele andere Insekten – oft unbemerkt und ohne jemals mit uns in Konflikt zu geraten.
Interessanterweise bauen gerade diese friedlichen Arten ihre Nester häufig offen sichtbar: unter Dachvorsprüngen, in Sträuchern oder an Gartenhütten.
Die wirklich aufdringlichen Arten dagegen leben meist verborgen – in Rollladenkästen, Dachböden, Mauerspalten oder unter der Erde.
Ein sichtbares Nest bedeutet also keineswegs, dass dort die Wespen leben, die uns beim Grillen oder Kaffeetrinken stören.
Dass Wespen einen schlechten Ruf haben, liegt vor allem daran, dass wir sie fast ausschließlich dann wahrnehmen, wenn sie mit uns um Nahrung konkurrieren.
Den größten Teil ihres Lebens verbringen sie jedoch ganz anders.
Sie jagen andere Insekten.
Nicht für sich selbst, sondern für ihre Larven. Ein Wespenvolk trägt im Laufe eines Sommers enorme Mengen an Fliegen, Gelsen, Raupen und anderen Insekten in sein Nest. Damit übernehmen Wespen eine Aufgabe, die in unseren Gärten und Kulturlandschaften oft übersehen wird: Sie regulieren Insektenbestände auf natürliche Weise.
Obwohl sie unsere größten heimischen Wespen sind, gelten sie als ausgesprochen friedlich. Ihre Größe wirkt beeindruckend, ihr Verhalten ist meist bemerkenswert ruhig. Wer Abstand zum Nest hält, wird oft feststellen, dass Hornissen den Menschen kaum beachten.
Sie haben Wichtigeres zu tun.
Deshalb zerstören wir Wespennester nicht vorschnell.
Nicht jedes Nest muss entfernt werden.
Nicht jedes Nest stellt eine Gefahr dar.
Und nicht jede Wespe ist jene Wespe, die uns am Kaffeetisch begegnet.
Wenn ein Nest tatsächlich an einer problematischen Stelle liegt, gibt es heute Möglichkeiten einer fachgerechten Umsiedlung. Die Zerstörung sollte immer die letzte Option bleiben.
Denn jedes erhaltene Wespenvolk ist Teil eines funktionierenden Ökosystems.
Und vielleicht beginnt Naturschutz manchmal genau dort:
Nicht mit dem Eingreifen.
Sondern mit dem besseren Verständnis.
Nicht jede Begegnung mit der Natur verlangt nach einer Lösung.
Manche verlangt nur nach Verständnis.
Ein Wespennest muss nicht automatisch entfernt werden.
Ein Hornissennest ist kein Problem, sondern ein Teil eines funktionierenden Ökosystems.
Wir glauben, dass gute Imkerei nicht dort endet, wo der Bienenstock aufhört.
Sie beginnt mit Respekt vor allen Arten, die unsere Landschaft im Gleichgewicht halten.
„Die Bienen machen den Honig. Die Wespen halten das Gleichgewicht. Beides verdient unseren Respekt.“
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