JOURNAL
Verfasst Juli 2026
Donnerskirchen, Österreich
Es gibt kaum etwas, das in der Imkerei mehr Aufmerksamkeit bekommt als ein Schwarm.
Für viele Imker ist er ein Verlust.
Für die Bienen ist er Fortpflanzung.
Diesen Unterschied sollte man kennen.
In der modernen Imkerei wird viel Aufwand betrieben, um Schwärme zu verhindern.
Schwarmzellen werden gebrochen. Völker werden geteilt. Platz wird geschaffen. Königinnen werden ersetzt.
Dafür gibt es gute Gründe.
Ein Schwarm nimmt einen großen Teil der Flugbienen mit. Der Honigertrag sinkt. Manchmal geht der Schwarm verloren.
Aus Sicht der Imkerei ist das verständlich.
Aus Sicht der Bienen sieht die Welt jedoch anders aus.
Es ist seine natürliche Form der Vermehrung.
Seit Millionen von Jahren entstehen neue Bienenvölker dadurch, dass eine alte Königin mit einem Teil des Volkes den Stock verlässt und an einem neuen Ort ein Zuhause gründet.
Nicht weil etwas schiefgelaufen ist.
Sondern weil das Volk stark genug geworden ist.
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen an frei lebenden Honigbienen zeigen, wie wichtig dieser Vorgang tatsächlich ist.
Wild lebende Honigbienenvölker sterben häufig innerhalb weniger Jahre.
Viele überstehen den Winter nicht.
Ihre Population bleibt nur deshalb bestehen, weil jedes Jahr neue Schwärme entstehen und neue Nistplätze besiedeln.
Ohne Schwärme gäbe es auf Dauer kaum noch frei lebende Honigbienenvölker.
Der Schwarm ist deshalb nicht nur ein Verhalten.
Er ist Teil ihres Überlebens.
Das bedeutet nicht, dass jeder Imker seine Bienen unkontrolliert schwärmen lassen sollte.
Imkerei bedeutet Verantwortung.
Wer Bienen hält, trägt Verantwortung für seine Völker, für Nachbarn und für die Tiergesundheit.
Aber zwischen einem unkontrollierten Schwarm und dem konsequenten Unterdrücken jedes natürlichen Schwarmtriebs liegt ein großer Unterschied.
Wir versuchen, sie zu verstehen.
Deshalb nutzen wir Schwarmzellen häufig für Ableger.
Ein Ableger ist kein Schwarm.
Aber er folgt demselben biologischen Prinzip.
Aus einem starken Volk entsteht ein neues.
Ohne künstliche Königinnenzucht.
Ohne den natürlichen Fortpflanzungstrieb vollständig zu unterdrücken.
Thomas Seeley beschreibt die Honigbiene nicht als Tier, das möglichst viel Honig produzieren möchte.
Er beschreibt sie als Organismus, dessen wichtigste Aufgabe darin besteht, sich erfolgreich zu vermehren und langfristig zu überleben.
Wer die Honigbiene verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur auf den Honigertrag achten.
Sondern auch auf ihre Biologie.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Unterschied.
Wir betrachten den Schwarm nicht zuerst als verlorenen Honig.
Sondern als Erinnerung daran, wie Honigbienen seit Millionen von Jahren leben.
Seeley, T. D. The Lives of Bees: The Untold Story of the Honey Bee in the Wild. Princeton University Press, 2019.
Kohl, P. L., Rutschmann, B., Steffan-Dewenter, I. et al. Population biology of feral honey bees. Annual Review of Entomology, 2022.
Zusammenfassung aktueller Berichterstattung zu den neuen Erkenntnissen über freilebende Honigbienen in Deutschland sowie wissenschaftliche Primärliteratur zum Populationsverhalten wilder Honigbienen.
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